Im Zick Zack durch die Windwards

Zurück in der Karibik 2025.

Nach schönen Weihnachtstagen daheim haben wir uns von den Lieben aus Deutschland verabschiedet und machen uns zurück „NachHause“.

Bei der Ankunft in Guadeloupe trifft uns Ernüchterung. Allen Boots-Menschen wird die Situation nicht unbekannt sein: Die abgesprochenen Arbeiten sind leider nicht durchgeführt wurden. Private Umstände, des sympathischen Technikers haben es nicht ermöglicht. Uff. Ärgerlich. Mist..
Also: schütteln, weitermachen und wieder einmal dankbar sein, dass das Leben es gesundheitlich gut mit uns meint und wir nur (mal wieder) weiter ohne Wassermacher und ohne den geplanten zweiten Autopiloten leben müssen. Für Zweiteren werden wir bei den Distanzen, die wir in den nächsten Wochen segeln werden, auch sicher keine Notwendigkeit haben. Somit steht jedoch auch der Plan, dass wir auf dem Weg nach Norden einen weiteren Stopp in der Marina-Bas-du-Fort in Pointe-à-Pitre einlegen werden.

Vor allem weiteren steht erst einmal der Wieder-Einzug auf Ti’Amâ. Chaos schaffen und beseitigen, denn zum einen haben wir vor dem Abflug ausgeräumt, um Platz für die Reparaturen zu schaffen und zum anderen sind doch einige Mitbringsel neu eingezogen. Außerdem hat ein Boot, welches in diesen tropischen Bedingungen fast zwei Monate unbewohnt war, auch etwas TLC (tender,love&care) verdient.

Von Marie Galante über St. Vincent und die Grenadinen zurück nach Pointe-à-Pitre…

Vor uns liegen nun knapp acht Wochen, um die südlichen Antillen, die Windward Islands, zu erkunden. Die Route sieht vor über Martinique nach St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen zu segeln und Ende März wieder zurück in Guadeloupe zu sein. Meist werden dies Tagesetappen sein und die Ziele schon am Horizont sichtbar.

Also „Aufproviantieren“ mit den guten Dingen aus Frankreich und ab nach Süden..

Vorerst bleiben wir in Guadeloupes Verwaltungsgebiet. Von Point-à-Pitre segeln wir auf die 30km südöstlich vorgelagerte Insel Marie-Galante. Diese Pfannenkuchen-förmige Insel war vor Ankunft der Europäer vollständig bewaldet. Im Zuge der Zuckerrohr-Produktion musste dieser jedoch den Plantagen weichen. Von den über 100 Windmühlen, die zur Verarbeitung des Export-Schlagers gebaut wurden, sind heute nur noch vereinzelte Turm-Ruinen erhalten.

Für Ti´Amâ bietet, wie bei den meisten Inseln der Antillen, nur die Lee-Seite- also die Westküste- ausreichend Schutz vor den herrschenden Passatwinden, die aus Nordost bis Südost mit bis zu 25 Knoten konstant wehen. Dazu kommt der Schwell, der vor Anker zu einer rechten Unruhe im Boot sorgt. Ist eine Insel rund wie Marie-Galante, so gibt es wenig geografische Strukturen, die diesen Schwell brechen. Folglich reduzieren sich die möglichen Liegeplätze..

Die erste Überfahrt ist durch einen heftigen Squall gleich ausreichend nass und wir sind dankbar, im lang ersehnten Türkis das erste Mal wieder Anker zu werfen. Zwei Tage verbringen wir mit Spazieren, SUP-Fahren und Schnorcheln.
Wir saugen die Farben und die Stimmung dieser französisch-kreolischen Mischung auf bevor wir über Nacht nach Martinique weitersegeln.

Ziel: St.Pierre im Nordwesten der Insel. Den Ort am Fuße des Vulkans kennen wir bereits aus 2023. Allerdings hat sich die Bucht mit einem großen neuen Bojenfeld und folglich deutlich mehr Booten stark verändert. Auch der Ort selbst hat sich rausgeputzt. Die Kirche ist fertig restauriert, viele Fassaden neu gestrichen. Zum Glück ist die Eisdiele noch die gleiche, der Besuch des samstäglichen Ost-und Gemüsemarktes noch immer (für Eine von Zweien) ein rauschender Genuss und die Spaziergänge zur lokalen Destillerie „Depaz“, zwischen den Ruinen des Vulkanausbruchs von 1902 und in der buntbelebten Straße der kleinen Stadt, wirklich eine Freude, selbst wenn der Mont Pelé uns den Blick auf seinen Krater-Gipfel verwehrt. Zusätzlich beschenkt uns St. Pierre täglich (manchmal auch gern mehrfach) mit kurzen heftigen Gewittern und in deren Folge mit den vielfältigsten Regenbögen. Fazit: St. Pierre, immer wieder gern.

Next Stopp: St. Anne im Süden von Martinique. Wir passieren Diamond Rock, kreuzen gegen Strömung und Südöstliche Winde bis uns ein -schon zur Routine gehörender Squall kurz vor Einlaufen in die Ankerbucht doch zum Bergen der Segel überredet. Die letzte Meile wird maschiniert. Während wir einen Familien-24h-Blitzbesuch genießen, stellen wir jedoch fest, dass unser Ankerkettenlauf Problem bereitet. Dies wollen wir geregelt haben, bevor wir auf abgelegenere Inseln mit geringerer Versorgung gen Süden auslaufen, wo der Anker unser verlässlicher Halt sein wird/soll. Frei nach dem Motto: Provisorien halten bekanntlich am längsten, unterstützen wir den Kettenlauf mit Gorilla-Kleber, dem flüssigen Duktape- Pendent und Gummidichtungen. Spoiler: Sechs Wochen später und es hält noch immer. Ausgecheckt wird aus Frankreich im Restaurant BouBou am Computer und zur Belohnung gibt es mal wieder einen Bokit. Sehr zu empfehlen.

In einem Schlag passieren wir St.Lucia und St.Vincent mit dem Ziel Bequia.

Viel liest man von anderen Seglern über höhere Kriminalität, die sogenannten Boat-Boys (Lokals, die von ihren Schnellbooten alle Notwendigkeiten anbieten und dabei recht vehement sein können) und das großartige türkise Wasser. Leider sind jedoch alle Revierführer geschrieben, bevor im Juni 2024 der verheerende Kat.5 Hurrikan Beryl über die meisten der kleinen Inseln der Grenadinen gezogen ist und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat. Wie viel vom Paradies noch übrig ist und wie die Menschen vor Ort leben wissen wir nicht .. so ist es ein Gemisch aus Vorfreude und Aufregung, dass uns begleitet, als wir die Europäische Union gen Süden verlassen. Nicht zu reden davon, dass nach sechs Wochen Heimat die Bootsbeine scheinbar auch erst wieder wachsen müssen…

Die Admiralty Bay in Bequia ist groß und voll. Der Wind pfeift stattlich über die Bergkette und der Grund besteht aus alten Korallen mit Sandablagerung. Ein bisschen gerädert- wie meist nach einzelnen Nachtfahrten- sichern wir Ti’Amâ und machen uns auf den obligatorischen Weg zum Einreise-Ballett. Customs and Immigration. Es ist immer ein erster spannender Eindruck, wie unterschiedlich die Offiziellen einem die Einreise gewähren. Hier in Port Elisabeth, dem Hauptort Bequias sitzt eine Frau mit sehr langen und farbigen Fingernägeln, tippt auf ihrem iPhone und schenkt uns ein knappes Lächeln. Anfänglich  verstehen wir in dem SingSang aus Creol und Englisch, den sie spricht nicht, ob sie mit uns oder ihrem Kollegen spricht (welcher auch den Blick nicht vom Handy nimmt), aber dank der bereits online von Michi ausgefüllten Unterlagen läuft alles super unkompliziert und freundlich. Keine 15 Minuten später sind wir in St. Vincent und den Grenadinen eingereist.

Es spaziert sich schön durch die Straße und nach den französischen Departments Guadeloupe und Martinique fühlt sich Bequia wieder ein bisschen authentischer karibisch an. Es gibt eine grüne Ankunfts-Kokosnuss und wir checken, ob der hiesige Geldautomat funktioniert. Es ist wohl keine Seltenheit, dass der einzige Automat der Insel nicht auszahlt, doch wir haben Glück: die Schlange ist mit 6Menschen vor uns überschaubar und wir heben Ostkaribische Dollar ab. Vor allem auf den kleineren Inseln sind Einkäufe/Käufe bei lokalen Händlern ohne Bargeld schwierig. Nur Bares ist Wahres.

Nachts weht es mit über 35 Knoten und wir müssen feststellen, dass der gewählte Ankerplatz nicht optimal ist. Wir rutschen und verbringen die Zeit bis zum Sonnenaufgang, um einen besseren Platz zu suchen mit Ankerwachen und Anker-Manövern.

Die nächsten Tage wandern wir über die umliegenden Hügel, sammeln alltägliche Eindrücke und Blicke nach Süden über Friendship Bay, Musique und die kleineren südlichen Grenadine-Islands. Die Vegetation ist vielfältig von trockenen, struppigen Wiesen bis zu- mit Tillandsien und Bromelien bewachsenen Tamarinden. In den Gärten wachsen Sternfrüchte, Sweet Apples und Cherimoyas. Überall pfeifen die Antillen-Pfeiffrösche, die Winzlinge von weniger als 5cm sind selten zu sehen, aber mit ihrem schrillen Rufen NIE zu überhören. Sogar eine Landschildkröte kreuzt unseren Weg.

Das nicht zu toppende Lieblingstier war allerdings der Plastikflaschenverschlingende Wal, den ein lokaler Verein am Strand aufgestellt hat.

All-in-All zeigt sich Bequia als schöne, touristisch erschlossene und freundliche Insel. Sie ist unser sehr sanfter Einstieg in die Grenadinen, denn es ist die südlichste Insel, die nicht im Juli 2024 direkt von Hurrikan Beryl getroffen wurde. Und den Unterschied werden wir noch erleben.

Keine 20 Seemeilen südlich von Bequia liegt das nur 5 x 2 km große Canouan. Diesmal entscheiden wir uns direkt eine der angebotenen Bojen zu nehmen. Weniger, weil uns die Nacht der Ankerwache noch zu präsent ist, als mehr, weil wir dies als einfachen und direkten Weg der Hilfe für die Menschen vor Ort ansehen, die dabei sind ihren wichtigsten Wirtschaftszweig – den Tourismus wiederaufzubauen.

Canouan ist eine von Gegensätzen geprägte Insel, was uns bereits bei der Anfahrt mit voller Härte vorgeführt wird. Vor dem zerstörten Hafen der Charlston Bay liegen drei Mega-Yachten. Am Vortag sollen es sogar sieben an der Zahl gewesen sein, wie uns Bojen-Mann John erzählt. Eine davon ist die 127m lange „Koru“- ein Gaffelschoner im Besitz von Jeff Bezos. Bei dem zweiten der Boote handelt es sich um die 75 m lange Mega-Yacht „Abeona“, welche auch Jeff Bezos gehört, jedoch NUR das Beiboot zu „Koru“ darstellt.    …

Diese Kontraste zeigen sich auch an Land. Während der Südteil der Insel von den knapp 1700 Insulanern bewohnt wird, ist der komplette Norden im Besitz eines privaten Luxus-Resorts- mit Wärtern und Schranken verschlossen und nur mit persönlicher Einladung begehbar. Folglich fielen unsere Wanderungen eher knapp aus, denn im Süden sind die Aufbauarbeiten an elementarer Infrastruktur, wie dem Hafen und größeren Straßen noch im vollen Gange. Viele der Maschinen, Material und Handwerker die Hand in Hand mit den Bewohnern Holzhütten wieder mit Dächern versehen und den Anleger im Hafen wiederaufbauen sind zu unserer Überraschung britischer Herkunft.

Wie sich die Situation im Nordteil der Insel darstellt, können wir leider nicht einschätzen, denn überraschenderweise blieb eine persönliche Einladung aus..

Next Stop sind die Insel Mayreau und die Tobago Cays. Obwohl wir wissen, dass unser blumig schwärmender Revierführer vor Beryl geschrieben wurde, kann der sachliche Kopf die innere Stimme, die sich auf bunte belebte Bars und creolische Lebensfreude einstellt, nicht bezwingen. Dazu braucht es erst den Gang an Land und die Erkenntnis, dass von den bunten, liebevoll gestalteten Shacks, Bars und Cottages wirklich kaum eins nicht vollständig zerstört ist. Spricht man mit den Menschen, so sind alle dankbar, dass diese erschütternden Stunden mit Windgeschwindigkeiten bis zu 270h/km, die mit Ausnahme einiger weniger, allen Häusern die Dächer genommen haben, keine menschlichen Opfer gekostet hat. Selbst die Ziegen und Hunde haben alle überlebt.

So raffen sie zusammen, was brauchbar ist, bauen in der nördlichen Bucht der Insel (SaltWhistleBay) die Holzhütten am Strand wieder auf, stellen einen bunten Mix aus Stühlen davor und verkaufen ein Dinner an Touristen, was die Karibik am einfachsten hergibt. Lobster, Reis, gekochte/gebratene Plantains und dazu Getränke deren Hauptkomponente meist Rum darstellt. Fast als wäre nix gewesen.

Bei den Tobago Cays im Osten Mayreaus handelt es sich um einen Marine-Park, bestehend aus fünf unbewohnten Inseln, umgeben von einem Hufeisenförmigen Riff, welches sie vor dem Atlantikschwell schützt. Ein Traumhafter Ankerplatz mitten im Türkis und als Kirsche auf dem Eis tummeln sich in und um die Boote unzählige Schildkröten, die sich von einem Schnorchler so gar nicht aus der Ruhe bringen lassen..

Paradiesisch und man könnte einfach stundenlang sitzen und gucken. Ti’Amâs Vordeck wird jedoch zur paradiesischen Flick-Werkstatt. Denn leider hat uns nach unserem gestrigen Landgang ein trauriges Bild erwartet. An der Stelle, an der wir unser Dinghy den Strand hinaufgezogen haben, fand sich leider nur noch ein unförmiger grauer Haufen. Wir brauchten einen zweiten Blick, um zu erkennen, dass das Dinghy nach 3 Jahren Karibik-Sonne kapituliert hat und der vordere Schlauch komplett luftlos war..

Ohne Dinghy werden wir unsere Pläne aber wohl umstellen. Zwar sind wir mittlerweile recht stabil gemeinsam auf dem SUP unterwegs, doch müssen die Liegeplätze nun vorsichtiger mit Wind und Strom aussuchen.

Die südlichste geplante Insel der Grenadinen ist Union Island und auch hier setzen sich die Bilder der nördlicheren Inseln fort. Die Bäume haben weder Kronen noch Blätter und Palmen gibt es gar keine mehr. An den Straßenrändern türmt sich recyclebares Holz und nur wenige Häuser haben bereits wieder intakte Dächer.

Aber neben all der (noch immer) wunderschönen Natur, der verheerenden Verwüstung ist wohl das nachhaltigste Erlebnis dieser Etappe die Vielfalt der Bewohner, die sich auf die eine oder andere Art, in ihrer ganz eigenen Geschwindigkeit der Aufgabe stellen, ihre verbleibenden Existenzen wieder aufzubauen und ihr Leben trotz allem mit einer Gelassenheit nehmen, bei der wir uns nur fragen können, ob es wirklich nur an Rum und Ganja liegt.

…Wir werden wohl noch eine ganze Weile auf den Eindrücken der letzten Wochen rumkauen um sie zu verdauen. Und möchten trotzdem & gerade deswegen jedem Segler empfehlen die Reise auf diese Inseln zu unternehmen. Denn für jeden EINZELNEN hier bietet daies die Grundlage des Wiederaufbaus.

St Vincent, die Hauptinsel der Grenadinen wollen wir uns aber auch ohne Dinghy nicht nehmen lassen und so finden wir für Ti’Amâ einen Liegeplatz und erkunden die Insel mal wieder zu Auto und Fuß .. aber dazu demnächst mehr.