Kanada 3– Von den Îles de la Madeleine über Cape Bretons Westcoast
in die Bay of Fundy
Les Îles de la Madeleine, die Magdalenen-Inseln.
Bei der Inselgruppe handelt es sich um einen Archipel, bestehend aus neun Hauptinseln und zahlreichen vorgelagerten Fels-Inseln. Obwohl näher an Nova Scotia gelegen, sind diese Inseln Teil der Provinz Quebec und somit Teil des frankophonen Kanadas.
Früher waren der Archipel im Golf von Sankt Lorenz vor allem bei Schifffahrern gefürchtet und mit nahezu 1000 gesunkenen Schiffen vor seinen Küsten, kann fast jeder der heutigen ca. 13 000 Bewohner auf einen Schiffbrüchigen in seiner Ahnenlinie zurückblicken.
Die Insulaner leben -zusätzlich zum Hummerfang- vorrangig vom Tourismus und auch wir fühlen uns sofort wie im Urlaub. Hurricane Ernesto zieht weit draußen im Atlantik gen Osten und über uns scheint die Sonne vom blauen Himmel. Es herrschen sommerliche 25° C und die kleine Marina in Havre-Aubert -im Süden der Inseln- wuselt vor gut gelaunten, hilfsbereiten Menschen.
Der 15. August scheint ein perfekter Ankunftstag. Die Insel feiert „Le 15 août : Fête nationale des Acadiens et des Acadiennes“, den Tag der Akadier und Akadierinnen.
Bei den Franko-Akadiern handelt es sich um Nachkommen französischer Siedler des 17Jhd. Nach der Eroberung Kanadas erlebten vor allem diese Siedler außergewöhnlich harte Deportationsmaßnahmen durch die britischen Kolonialherren in die Kolonien an der US- Ostküste und später nach Europa. Nur eine verhältnismäßig kleine Zahl kehrte im Laufe der Zeit ins heutige Kerngebiet des Sankt Lorenzstrom (Quebec, New Brunswick, Nova Scotia) zurück.
Heute ist ihr Feiertag. Überall spielt Musik, Familien picknicken am Strand und am Nachmittag sammeln sich alle entlang der einzigen Straße des historischen Ortes „La Grave“ für die jährliche Parade. Jeder schwenkt oder kleidet sich in den Farben der Akadischen Flagge, basierend auf der Trikolore mit einem gelben Stern im blauen Segment – als unverwechselbares Emblem der Akadischen Nationalität. „Bewaffnet“ sind die Bewohner mit Allem, was Krach macht, um zu zeigen, dass man „noch da ist“: Hupen, Nebelhörner, Rasseln, Vuvuzelas, Töpfe & Kellen, Waschbretter oder auch einfach nur röhrende Motoren. Das freudige Treiben ist super ansteckend..
Die Archipele Struktur mit vielen Flachs macht das Ankern, beziehungsweise Anlegen um die Inseln nicht einfach und so bringen wir mal wieder die Räder an Land und leihen uns einen Tag das Marina-Auto, um die Umgebung zu erkunden.
Was soll man sagen: Die Empfehlungen haben nicht zu viel versprochen. Tarte Tatin, Croissant und guter Kaffee, außerdem frische Meeresfrüchte, geräucherter Fisch und frischer SALAT. Weißer Sand, dazu eine gute Mischung aus Sonne und Wind… und Ti´Amâ, die sicher jeden Abend trockenen Fußes vom Steg zu erreichen ist. Drei Tage- Insel URLAUB pur.
Größer könnte der Kontrast zur Einsamkeit Neufundlands mit seiner rauen Natur nicht sein. Kanadas Vielfalt ist bereits in diesem kleinen Zipfel sehr beeindruckend.
Nach drei Tagen geht es weiter. Der letzte Stop auf den Madeleins ist die Île-d’Entrée, oder Entry-Island, wie die Bewohner sie nennen, denn diese Insel -am östlichen Eingang des Archipels liegend und als einzige nicht mit den anderen verbunden- ist tatsächlich Englisch-sprachig.
Keine fünf Seemeilen trennen beiden Inseln und trotzdem kommt es noch immer kaum zur Durchmischung der knapp 60 Bewohner der Eingangsinsel mit den Bewohnern der übrigen Madeleines. Die Hauptattraktion der Insel sind ihre wunderschönen, unberührten grünen Hügel mit dem 174 Metern über dem Meeresspiegel gelegenen Big Hill, dem höchste Punkt des Archipels. Ein weiterer Summit ist auf unserer Liste.
In einem Tageshopp segeln wir an die Westküste von Cape Breton Island, zurück nach Nova Scotia. Genannt wird sie die Music-Coast und ihre Bewohner schmücken sich damit die Musik und Traditionen der gälischen Siedler seit den frühen 1800er Jahren zu bewahren und weiterzugegeben. Selten oder besser noch nie haben wir so viele Musik-Abende (quasi täglich), Square-Dance-Veranstaltungen, Story-and Tale-Teller-Abende und Gälisch-Sprachkurse in den Veranstaltungskalendern gesehen, wie in dieser Region. Sogar ein gemeinnütziges College, spezialisiert auf die Bewahrung der schottisch-gälischen Hochlandkultur mit dem schlichten Namen „The Royal Cape Breton Gaelic College“ wurde 1938 gegründet und zählt jährlich mehrere Tausend Studenten. Pubs mit allabendlicher Musik aus Fiddle, Klavier, Gitarre und Dudelsack, dazu grüne Hügel (wie daheim) und ein sicherer Ankerplatz in der Bucht vor einer kleinen Segelschule. Mabou ist der perfekte Ausgangspunkt, um die Umgebung zu erkunden.
Mit mehr Wind als vorhergesagt rauschen wir in einer Saussefahrt zurück an Nova Scotias Küste, die wir im Frühsommer teils in dickem Nebel passiert haben und stoppen an Ankerplätzen, die wir auf dem Hochweg verpasst haben. Egal wo wir landen, täglich treffen wir Kanadier, die Ihrer Liebe zur Heimat und der Nähe zum Leben am Wasser mit uns teilen. Selten haben wir bisher so viele offenen Türen, angebotene Bojen und herzliche Einladungen erhalten.
Langsam aber sicher neigt sich der Sommer in Kanadischen Gewässern dem Ende zu und noch immer haben wir (mit Ausnahme eines einzelnen auf der Nord-Passage vor Nantucket) keine Wale gesehen. So beschließen wir, sollte der Wind favorable sein, noch nach Norden in die Bay of Fundy abzubiegen. Die Bay of Fundy: bekannt (wenn überhaupt) für den größten Tidenhub weltweit, Nebel und Scallop-Fischerei. Selbst unser Cruising-Guide schreibt: Segler verirren sich eher selten in diese Region.
Navigatorisch müssen zum Wind hier die Tiden kalkuliert werden. Denn die Strömungsgeschwindigkeiten von 4-5 Knoten, in Hafeneinfahrten oder Wasserstraßen/Flüssen bis zu 9 Knoten, die mit oder gegen uns fließt, macht einen wirklichen Unterschied (Hintergrund: unsere Standard-Bootsgeschwindigkeit liegt unter Maschine bei etwa fünf Knoten). Von der Welle, die entsteht, wenn Strom gegen Wind steht, ganz zu schweigen. Anfang September läuft die Flut so, dass wir vor der Sonne aufstehen und folglich schon mittags am Zielort festmachen. Diese Bedingungen und der Arbeitsgegend-Charakter macht die Bay of Fundy zu einem wenig überlaufenen Segel-Revier.
Unser erster Liegeplatz in der Bay ist Yarmouth, eine “No-Nonsense working town”, wie der Guide so schön schreibt. Stimmt. Boote aller Größe und jedes Formats. Bootsbedarf, vor allem Commercial-Fishing-Gear ist leicht zu finden. Im 19. Jahrhundert war die Stadt ein bedeutendes Zentrum des Schiffbaus und hatte zeitweise mehr registrierte Tonnage pro Einwohner als jeder andere Hafen der Welt. Die einzelnen üppigen Viktorianischen Häuser sind ein Erbe der wohlhabenden Kapitäne und Reeder dieser Zeit. Unnötig touristische Angebote sind spärlich. Aufproviantieren und sich die Füße zwischen den aufgebockten und gedockten Fischerbooten vertreten geht trotzdem. Außerdem scheint die Sonne spätsommerlich.
Am nächsten Morgen verlassen wir die Boje im Nebel. Ziel ist Brier Island. Am Spitzl des Digby Neck, einer Landzunge, die die Bay of Fundy von der St.-Mary´s – Bay trennt und an dessen Ostküste liegt ihr einziger Ort: Westport. Nach einer Einfahrt mit mehr Strömung und dichtem Nebel, kommt pünktlich zum Anlegen die Sonne heraus. Wir machen in dritter Reihe an Fischerbooten fest, die außerhalb der Saison meist Dauerparker im Hafen sind. Abgesehen davon lebt die Insel von den Walen. Bis zu zwölf Arten- darunter Buckelwale, Finnwale, und Schweinswale- verbringen die Sommermonate in den Fischreichen Gewässern westlich der Insel. Der einzige Beweis für ihre Existenz/Gegenwart bleibt für uns jedoch die Dekoration der Bewohner von Westport. Wo soll man denn auch hin mit den riesigen Wirbelkörpern und Rippen eines Wals, als um Fenster und Türen, wenn die Einfahrt schon mit dessen restlicher Wirbeläule belegt ist. Zum Trost beobachten wir eine Kolonie Seehunde, die sich auf den frei liegenden Steinen bei Niedrigwasser sonnt.
Tiefer in der Bay liegt Annapolis Royal. Ein Siedlung, die historisch aufgrund ihrer Lage an der Grenze zwischen den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien insgesamt dreizehn Mal angegriffen wurde und damit häufiger, als alle anderen Orte Nordamerikas die Nationalität wechselte. Heute ist es ein ruhiges, touristisches Städtchen mit einem gut gepflegten Fort, einem wunderschönen Botanischen Garten und einer Bäckerei mit nahezu französischen Croissants.
Same-same-but-different. Das Dinghy Dock bei Hoch-und Niedrig-Wasser. Heim kommen will geplant sein..
Es ist Mitte September und langsam wird es Zeit Kanada zu verlassen.
Ein für den Spätsommer und Herbst in dieser Gegend üblicher Nor´Easter, also ein großflächiger Nord-Ost-Wind mit vorhergesagten Stärken zwischen 20-28 Knoten bringt uns über den Golf von Maine, direkt bis in den CapeCod Kanal. Den ursprünglichen Plan Nantucket zu besuchen müssen wir leider skippen, denn außerhalb des schützenden Caps und im Atlantik werden uns die Bedingungen doch einfach zu ungemütlich. Wir werden merken, dass die angesagten Bedingungen – vor allem 3-4 m Welle auch so ausreichen. Wir freuen uns, wenn das Boot wieder ruhiger liegt, das Bewegen an Bord wieder leichter fällt, die Gegenstände an den Orten bleiben, an die man sie stellt und nicht in jedem Schapp alles klappert, sodass man kein Auge zu bekommt.
Fazit: Wal, haben wir keinen einzigen gesehen, aber auch ohne sie war der Ausflug in die Bay of Fundy fast jede Welle wert..
Danke Kanada. Du warst gut zu uns ..
