Kanada 2 - Neufundlands Süden.
Wir machen uns von Saint Pierre et Miquelon auf den Weg nach Norden. Unser Ziel ist die Südküste Neufundlands. Die Fjordküste.
Mehrere hundert Meter ragen die teils bewaldeten, teils schroffen Steinwände aus dem Wasser und der Atlantik schneidet tief ins Innere der Insel, bis er sich mit den, aus dem Landesinneren kommenden Flüssen mischt.
Ein paar Eckdaten zu Neufundland:
Die 111´000 km2 große Insel bildet gemeinsam mit Labrador die östlichste Provinz Kanadas. Pro Quadratkilometer leben hier nur etwas 4,5 Menschen (zum Vergleich in Deutschland: 236 Menschen /km2 ). Wobei mehr als die Hälfte der 500.000 „Newfies“, wie sie von den anderen Kanadiern genannt werden, in der Hauptstadt St. John´s im Südosten der Insel leben.
Neufundland war bereits 4000 v. Chr. von -aus Labrador eingewanderten- Indigenen Stämmen besiedelt (Inuit, Beothuk, Mi’kmaq). Schon um 1000 nach Christus landeten mit den Wikingern (allen voran Leif Eriksson), die ersten Europäer an Neufundlands Küsten. Als eigentlicher Entdecker gilt jedoch erst John Cabot, ein italienischer Seefahrer (original: Giovanni Caboto) in den Diensten des englischen Königs im Jahre 1497.
Zeitig erkannten britische und portugiesische Fischer den Fischreichtum der flachen Grand Banks vor der Küste Neufundlands und errichteten bald erste Fischereistationen (so genannte Outports) um gefangenen Fisch zu salzen und trocknen, und damit für die Atlantiquerung nach Europa zu konservieren. Fischerei konnte nur etwa sechs Monate pro Jahr betrieben werden und die Winter waren kalt und hart. So erfolgte eine erste dauerhafte Niederlassung erst im 16 und 17.Jahrhundert- vorrangig durch Engländer und Franzosen. Fortan spielte die Insel historisch einen umkämpften Eckpunkt im Handelsdreieck zwischen Afrika, Europa und den West Indies (Sklaven –> gesalzener Kabeljau –> Melasse und Rum).
1713- mit dem Frieden von Utrech- wird Neufundland schließlich britisch, ein Fischrecht vor den Küsten bleibt jedoch in französischer Hand. Erst 1949 wird `Labrador&Neufundland´als jüngste Provinz Kanada angeschlossen. Heute haben 57% der Bevölkerung britische und irische Vorfahren, weitere 7% schottisch und nur 6% mindestens ein französisches Elternteil. Die letzten heute noch in Neufundland lebenden „Native Indians“ gehören zur Gruppe der Mi’kmaq.
Geographisch liegt Neufundland auf mitteleuropäischen Breiten, das Klima ist jedoch stark vom rauen Nord-Atlantik und dem Labradorstrom geprägt. Dies führt ganzjährig zu kühlen Temperaturen mit kurzen oft regenreichen Sommern. Einzelne Ausnahmetage bestätigen die Regel. Folge hiervon sind neben der saftig grünen Vegetation, eine unzählige Menge und Vielfalt an Wasserfällen, die nach regenreichen Tagen aus den Hochlagen die Stein-Wände hinunter prasseln.
Den einen oder anderen flacheren Vertreter steigen wir hinauf, denn Wanderwege oder Trails existieren in Neufundland nicht. Stattdessen folgen wir den Pfaden der Karibus (amerikanische Rentiere), Flussbetten und Wasserfällen. Arbeiten uns durch teils hüfthohes Buschwerk, um uns die Füße zu vertreten, ein paar Gipfel-Ausblicke zu erhaschen und Blaubeeren und seltener sogar Maulbeeren zu naschen.
Mehr als einmal mussten wir jedoch umdrehen/umdisponieren, da sich plötzlich eine Felsspalte größer darstellte als angenommen, oder wir uns zeitlich in Folge stark reduzierter Schrittgeschwindigkeit etwas verkalkuliert hatten. Gab es Ausblicke, so waren sie allerdings jeden Kratzer an den Schienbeinen wert.
Über Jahrhunderte bietet der Kabeljau-Fang die zentrale und nahezu einzige Einnahmequelle der Region. 1992 jedoch steht Neufundland vor einer beispiellosen Umwelt- und Wirtschaftskrise. Die Bestände sind in Folge Jahrzehnte dauernder Überfischung leer. Die Kabeljau-Population ist auf unter <1% ihres ursprünglichen Bestands gesunken und vom Aussterben bedroht. Die Regierung ruft ein Kabeljau -Moratorium aus. Dies hat vor allem für die Bewohner der Outports existenzielle, sozial und kulturell identitäre Folgen. Bis heute haben sich die Kabeljau Bestände Im Nord-Atlantik nicht regeneriert.
Die fehlende ökonomische Lebensgrundlage, die fortschreitende Überalterung und der Zugang zu wichtigen Dienstleistungen führt zu einem ständigen Schrumpfen der Gemeinden. Allein die Sicherstellung der Seetransport-Wege kostet die Regierung für wenige Hundert Bewohner im oberen zweistelligen Millionen-Bereich. Folglich versuchte diese bereits seit den 1950 Jahren den Prozess der Zentralisierung zu beschleunigen und mittels finanzieller Unterstützung Gemeinden zu „ermutigen“, in größere Ballungsgebiete umzusiedeln. Resettlement. Fast 30 000 Neufundländer und 300 Gemeinden wurden so umgesiedelt.
Gegenwärtig werden staatlich geförderte Umsiedlungen nur noch praktiziert, wenn die Anträge von den Gemeinden selbst ausgehen. Stimmen allerdings mindestens 75% der Bewohner für eine Umsiedelung, so werden grundlegende Dienstleistungen, einschließlich der Stromversorgung in den Gemeinden eingestellt und Ausgleichszahlungen geleistet.
Francois ist ein solcher Outport an der Südküste Neufundlands. Im Jahr 2021 haben seine knapp 60 Bewohner gegen eine Umsiedlung gestimmt. Als wir einlaufen, ist der malerische Ort am Ende eines, einem Amphitheater-ähnelnden Fjords, vollständig mit Wimpeln geschmückt. Die „It’s Come Home Year“, ein alle fünf Jahre stattfindendes Event, um Weggezogene und (deren) Kinder nach Haus zu holen. Täglich werden gemeinsame Mahlzeiten, Musik und Tanz veranstaltet – und eventuell schon ab dem Frühstück der eine oder andere mit einem Schlückchen willkommen geheißen.
Fragend haben wir noch gelächelt, als andere Segler uns in Nova Scotia sagten: “Neufundland ist wunderbar, aber bezüglich der Kommunikation mit den Lokals werdet Ihr Euch umschauen…“. Jetzt lächeln wir auch. Wenn auch meist, um höflich nachzufragen, was uns die freundlichen „Newfies“ denn gerade gesagt haben. Der Mix aus schottisch und irischen Dialekten prägt das Englisch der Bewohner der abgeschiedenen Outports und führt wiederholt zu fragenden Blicken unsererseits (..gepaart mit einem freundlichen Lächeln).
Und vielleicht hilft es ja auch nicht, dass schon mehr als 150 Ehemalige durch die Bewohner willkommen geheißen worden sind.
Knappe vier Wochen haben wir in den Fjorden der Südküste Neufundlands verbracht und auch wenn wir kulinarisch langsam fertig sind mit der etwas monotonen und gemüsefreien Küche; an den Bildern, die diese beeindruckende Insel mit ihren, sich so schnell ändernden Wetterbedingungen zeichnet, haben wir uns noch lange nicht satt gesehen.
Langsam macht sich allerdings Hurricane Ernesto auf den Weg nach Norden und die Wetter-Propheten sind sich nicht einig, wo und ob er Landfall machen wird. Wir gehen lieber auf Nummer sicher und folgen der oft gehörten Empfehlungen zu den Îles de Madeleines. Angeblich ist hier alles besser: Das Wetter, das Essen und die Strände. Wir sind gespannt.
Danke Neufundland. Es war uns eine Ehre ..
