Saint Vincent – Das Mainland der Grenadinen
März 2025. Mit kurzen Zwischenstop in Bequia fahren wir nach St. Vincent. Die Hauptinsel des unabhängigen Inselstaates „St.Vincent und die Grenadinen“ hat knapp 110 000 Einwohner und die Bevölkerungsmehrheit der „Vincenter“ bilden die Nachfahren subsaharischer Sklaven.
St. Vincent durchlief in seiner Geschichte verschiedene Phasen als Kolonie und Commonwealth-Staat unter britischer Herrschaft und erlangte schließlich als letzte der Windward-Inseln im Jahr 1979 ihre Unabhängigkeit.
Da wir noch immer kein Dinghy haben, genehmigen wir Ti´ Amâ einen Liegeplatz in der Blue Lagoon Marina. Der Einfahrtskanal zur Lagune ist flach und dank ihres Liftkiels ist Ti´ Amâ quasi der einzige Einrumpfer zwischen vielen Katamaranen. Die Marina ist klein und an ein Hotel angeschlossen, wo Park und Pool zur Nutzung inkludiert sind. Dafür bleibt uns jedoch gar keine Zeit, denn wir haben ein Auto gemietet und wollen so viel wie möglich von dieser grünen Insel erleben.
Die Insel ist so bergig, dass es nur an den Küstenregionen größere Straßen gibt von wo aus man in die Taleinschnitte einbiegen kann. Man kann sich also entweder für den Osten oder den Westen der Insel entscheiden, denn im Norden enden beide Straßen als Sackgasse.
Wir beschließen als erstes Kingstown- die Hauptstadt St. Vincents,- keine 20 min Autofahrt von der Marina entfernt,- zu besuchen. Eine trubelige karibische Großstadt, aus der wir bereits nach wenigen Stunden fliehen und uns auf den Weg in Richtung Montreal Gardens, einem Botanischen Garten im Herzen des Mesopotamia Valley – im Inneren der Insel- machen.
Wir entscheiden uns also für die Ostroute. Versteckt am Ende einer holprigen Straße zwischen schroffen Bergen und sanften Hügeln 450m über NN gelegen, sind die Ausblicke von hier spektakulär und der Garten selbst mit seiner üppigen Vielfalt und Geräuschkulisse aus Pfeiffröschen und Vogelgezwitscher der Inbegriff einer grünen Hölle – in seiner positivsten Form. Wir genießen diese grüne Abwechslung in vollen Zügen, spazieren über die liebevoll angelegten und gepflegten Wege des Gartens, picknicken und lassen uns von den freundlichen Mitarbeitern mit Begeisterung über ihre Arbeit informieren.Sie selbst bewirtschaften den botanischen Garten und bauen im hinteren Bereich Gemüse für ihre eigene Versorgung an.
Am nächsten Tag heißt es zeitig aufstehen. 5:00 klingelt der Wecker. Draußen ist es noch dunkel, aber wir haben ein Ziel, welches wir so zeitig wie möglich angehen wollen:
„La Soufrière“, ein 1235 m aktiver Vulkan und höchster Berg des Staates St. Vincent und die Grenadinen. Die letzte Serie von Ausbrüchen fand erst zwischen April und September 2021 statt.
Intensive Beobachtungen haben damals das Wachstum des grünen Lava Doms gezeigt und die rechtzeitige Evakuierung von über 25 000 Menschen in Notunterkünfte und auf zwei Kreuzfahrtschiffe ermöglicht, sodass Todesopfer vermieden werden konnten. Mehr als 16 km hoch steigt die Eruptionssäule auf und verteilt Lavagestein, Asche und magmatische Gase über die Insel. Noch heute liegt meterhoch die aufgeschobene Asche am Straßenrand.
Wir verlassen die Hauptstraße nach knapp 30km und schlagartig wird der Weg unbefestigt und die Löcher und Gräben, die das ablaufende Wasser in den Boden gefressen haben, teils so tief, dass ich wiederholt anbiete auszusteigen, um jeden Millimeter Bodenfreiheit zu gewinnen. Spätestens jetzt schwören wir uns gegenseitig beim nächsten Mietwagen die 20$ – Differenz für den 4×4 nicht sparen zu wollen.
Je weiter wir das Tal nach oben fahren, desto stärker werden Bananen- und Zuckerrohr-Plantagen durch wilde Natur abgelöst und gerade als der Weg kaum noch breit genug für unseren Kleinwagen ist, stehen wir auf einem kleinen Parkplatz. Ein junger Mann in Nationalparks-Uniform begrüßt uns freundlich. Er nimmt uns den Eintritt ab und gibt uns einige Infos zum Aufstieg. Wie er hier hochgekommen ist ? Natürlich gelaufen- wie jeden seiner sechs Arbeitstage der Woche. Manchmal, so erklärt er uns, bekommt er einen Lift durch Besucher oder Plantagenarbeiter, meist jedoch läuft er die 6 km vom Abzweig der Hauptstraße zu seinem Arbeitsplatz. Er ist der Manager für diesen Trailhead berichtet er stolz.
Der Weg ist wunderschön und einer der ordentlichsten aller Antillen-Vulkane, die wir bisher bewandert haben. Zwei Arbeiter sind seit dem Ausbruch permanent damit beschäftigt Stufen zu erneuern und Geländer zu stabilisieren. Die Vegetation ändert sich schnell. Von sanft und grün wird es schroff und felsig. Wir kommen in die Wolken und es wird kühl und beginnt nach Schwefel zu stinken. Und nach knapp 2h Aufstieg ist er plötzlich da. Die Wolken lichten sich etwas und wir sehen Krater mit Kratersee und Lavadom direkt unter uns liegen. Was für eine Kulisse. Ein paar hundert Meter spazieren wir um den Krater bis der Weg zu heikel und der Wind zu stark wird und wir sicherheitshalber umdrehen. Unseren Gipfelsnack nehmen unterhalb des Gipfels, wobei es sich nicht leicht gestaltet, eine windstille Ecke zu finden. Wir lassen uns Zeit und genießen den Blick über Lava-und Geröllfelder auf die grüne Insel.
Beim Erreichen des Parkplatzes dann die Überraschung. Der freundliche Nationalpark- Mitarbeiter sitzt auf gepackten Sachen, er tatsächlich auf uns gewartet. Er berichtet, es sei seine Pflicht sicherzustellen, dass jede Person, die auf den Berg aufsteigt, auch wieder absteigt. Wir bieten ihm eine Fahrt ins Tal an und weil wir uns so nett unterhalten und auch, weil wir eh noch etwas weiter gen Norden fahren wollen, fahren wir ihn einfach bis nach Hause. Auf der Strecke erfahren wir noch viel über die Insel und an jeder Kreuzung und Baustelle hat der stolze junge Mann etwas über seine schöne Heimat zu berichten. Am eindrücklichsten bleibt mir jedoch das Verhältnis aus Arbeitszeit und Arbeitsweg. Er startet jeden Tag um 7:00 in Owia seinem Heimatort. Manchmal kommt ein Bus oder jemand nimmt ihn als Hitchhiker mit bis zur Abzweigung. Sonst läuft er eben auch diese Strecke und spätestens an der Abzweigung zum Trail Head beginnt der Fußmarsch in sein Office. 7km One-Way, um dann am Parkplatz auf eventuell kommende Touristen zu warten UND ab 15:00 geht das ganze wieder zurück. Mal per Lift und mal zu Fuß. Was für eine andere Welt ..
…




























