Von St. Martin über Saba nach Guadeloupe
Wir verlassen Bermuda und der Wetterbericht verspricht moderaten Wind von 15- 20 Knoten
– zumindest für die ersten Tage …
Im weiteren Verlauf wird es die wohl wind- und wellentechnisch härteste Überfahrt bisher. Der Nord-Sturm drückt weiter nach Süden als vorhergesagt. Folglich trifft kühle auf warme Luft im Süden und beschert uns eine ganze Reihe an Gewittern, die sich mit tollen Wolkenformationen, aber auch mit Blitzen und permanenten Windrichtungs-und Geschwindigkeits-Wechseln darstellen. Die Ausläufer des Nordsturms erwischen uns mit 30 Knoten auf einem Halb bzw. Am-Windkurs und sorgen dafür, dass wir mit Genua und Groß im letzten Reff dahin fliegen/rumpeln /scheppern – abhängig davon, in welchem Winkel uns die Wellen treffen.
Ti´Ama ist bekanntlich stark und steuert uns trotz vieler Squalls tapfer Meile für Meile durch den schaukelige Atlantik gen Süden, sodass wir uns nur damit beschäftigen müssen die Umgebung im Auge zu behalten, Kurs sowie Segel regelmäßig anzupassen und uns selbst zu versorgen. Was bei einer Wellenhöhe von mittlerweile über 3m von der Seite durchaus als Aufgabe angesehen werden kann. Jede eigene Bewegung muss mit der Bootsbewegung angepasst werden. Egal, ob es sich ums Tee-Wasserkochen oder die Hose für den Toilettengang hoch-und-runter-ziehen handelt.
Dieser Zustand ändert sich am Abend des 6. Tages, denn mit Eintritt der Dunkelheit verlässt uns leider unser Autopilot. Der Bolzen, der den Hydraulikarm am Ruderquadranten befestigt, ist gebrochen. Und so kommen wir gute zwei Tage vor der geplanten Ankunft in St.Martin das erste Mal in den Genuss dauerhaft Hand-zu-steuern. Einer von uns steht ab jetzt bis zu den befreienden Worten: „Anker fallen“ am Ruder. Und was soll ich sagen: es war eine verdammt nasse Angelegenheit. Geregnet hat es von der Seite, sodass die Gischt der Wellen regelmäßig (am Ende sogar innen am Ölzeug) durch Süßwasser gespült wurde.
Aber, wir haben es geschafft und neben dem Respekt vor all den Seglern dieser Welt, die genauso bereits vor Jahrzenten ganze Wochen gesegelt sind, sind doch auch wir an dieser Aufgabe wieder etwas gewachsen.
Und als Geschenk begrüßt uns St. Martin mit einem Regenbogen. Das kann sie, die Karibik.
St.Martin ist eine der nördlichen Inseln `über dem Winde´ auf dem Antillenbogen und auch vulkanischen Ursprungs. Die Insel ist zweigeteilt. Den Nordteil der Insel bildet ein Übersee-Department Frankreichs, während der kleinere, südliche Teil als autonomes Land „St.Maarten“ zum Königreich Niederlande gehört. Die einzige existieren Staatsgrenze zwischen Frankreich und der Niederlande befinden sich also hier. Eine sehr charmante, aber wohl geschichtlich in keiner Form belegte Anekdote zur Grenz-Ziehung besagt, dass beide Nationen so zivilisiert waren und anstatt um die Territorien zu kämpfen, einen Franzosen mit einer Flasche Wein und einen Holländer mit einer Flasche Gin bewaffnet von den Nord-und Südküsten der Insel haben starten lassen und am Treffpunkt die Grenzlinie gezogen werden sollte. Möglicherweise erklärt dies den etwas größeren französischen Anteil der Insel.
Wir klarieren im französischen Hauptort Marigot ein und befinden uns damit wieder in der EU. Zu Fuß, per Auto oder auch mit dem Dinghy können wir problemlos auf den niederländischen Teil der Insel wechseln. Ti´Amâ jedoch muss in französischen Gewässern bleiben oder sonst erneut aus-und einklariert werden. So machen wir uns per Dinghy auf den Weg fehlende Ersatzteile zu finden und den Bolzen reparieren zu lassen, denn St.Martin gilt als Reperatur-Mekka der östlichen Karibik. Der schnellste Weg ist die Fahrt durch Simpsons Bay Lagoon, die sich beide Länder teilen. Ein bisschen fühlt sich die Fahrt wie eine durch einen Schiffsfriedhof an, denn 2017 wurde die Insel hart von Hurrikan Irma getroffen. Nicht nur an Land sind die verheerenden Zerstörungen noch lange nicht beseitigt, sondern auch in der Lagune liegen unzählige Wracks auf und unter der Wasseroberfläche. Wir treffen Segler, die noch immer auf ihren vom Sturm entmasteten Booten leben und täglich arbeiten, um die notwendigen Reparaturen für die Weiterfahrt zu finanzieren bzw. ermöglichen. Am Ende bestimmt immer wieder Mutter Natur den Weg und die Geschwindigkeit des Lebens auf dem Wasser.
Ausgeschlafen, mit frisch gewaschener Wäsche (ein Dank gebührt dem Wasch-Dobby unseres Bootes) und dem geschweißten und bereits wieder installierten Bolzen, genießen wir nach zwei Tagen das Ankommen in der französischen Karibik. Es ist die Kombination aus Lebensart, kreolischem Essen, Obst und den lang vermissten französischen Backwaren der Patisserien, die uns die Strapazen der Überfahrt schnellstens vergessen lassen.
Aber wir wollen weiter. Die Vorbereitungen, die noch zu erledigen sind, bevor wir in die Heimat fliegen, krabbeln wie Hummeln im Bauch und einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Guadeloupe haben wir noch geplant: Saba.
Diese kleinste bewohnte Insel der ehemaligen niederländischen Antillen ist neben St. Maarten und Sint Eustatius die dritte der sogenannten SSS-Inseln. Die nahezu kreisrunde Insel misst nur etwas 4,5 km im Durchmesser und besteht zum größten Teil aus dem Gipfel des ruhenden Vulkans Mount Scenery. Bis zum Bau des winzigen Hafens in der Fort Bay-im Süden der Insel mussten alle Schiffe in der Ladder Bay in Lee der Insel durch die im hüfthohen Wasser stehenden Bewohner entladen werden und dann die mehr als 1000 Stufen in eine der beiden Ortschaften der Insel geschleppt werden. Überhaupt sind sowohl der Bau der 14km-langenen Inselstraße, sowie des Saba Airports (mit der offiziell kürzesten Landebahn der Welt von 400m) wohl allein aufgrund der Willensstärke und Überzeugungskraft der Sabanesen möglich gewesen, denn von der Durchführbarkeit beider Projekte musste die niederländische Regierung durch Selbstversuche überzeugt werden. Heute rasen die Bewohner in atemberaubender Geschwindigkeit über die steilen, durch kniehohe Mauern ins Meer abgesicherten Straßen und ein Hitchhike auf der Ladefläche des „Brandweer-Pickups“ fühlt sich an wie eine Achterbahn-Fahrt.
Nachdem die Küstenlinie unter Wasser genauso steil abfällt, wie sie über dieser ansteigt, ist das Ankern schwierig und die Form der Insel an sich bietet wenig geschützte Liegeplätze. So sind wir dankbar eine der vom Saba-Marine-Park installierten und gewarteten Bojen greifen zu können. Mal wieder klarien wir ein, gehen zum Zoll, melden uns beim Hafenmeister und Ti´Áma auch im Büro des Marineparks an. An dieses Ballett werden wir uns in der kleinstaatlichen Karibik wieder gewöhnen.
Die Büro-Gänge sind erledigt und wir erkunden die Insel zu Fuß. Huch .. nach dem Schock des Schrittzählers in New York, kommt er jetzt kaum mit den Höhenmetern zurecht, was unseren Oberschenkeln und Hintern ähnlich geht. Aber die Insel ist tatsächlich paradiesisch. Ein kleiner Diamant mitten im Karibischen Meer. Hat man einmal den Hauptort The Bottom erreicht, so geht es über gut erhaltene Trails durch sekundären Regen- und Nebelwald bis in den Ort Windwardside, welcher sich, wie der Name vermuten lässt, auf einem Plateau, auf der windzugewandten Seite der Insel befindet. Zwischendrin immer wieder Blicke auf die umliegenden Inseln St.Kitts and Nevis, St. Eustatius, St.Barth und St.Martin. Auf dem Weg zurück kommen wir in den Genuss der bereits oben erwähnten Achterbahnfahrt- ermöglicht durch den freundlichen Mitarbeiter der Brandweer Saba. Eine dankbare Abwechslung zur Vorstellung den kompletten Rückweg zu Fuß zurückzulegen.
Am nächsten Tag steigen wir auf den Mount Scenery, die höchste Erhebung im Königreich der Niederlande, immerhin 887m über NN. Der Weg ist eine über 1064 Stufen führende Wanderung durch alle Etagen des Regenwalds – überfüllt mit Bergmahagoni – voller Orchideen, Bromelien, Heliconien – bis hin zu 1,5m großen Elefanten-Ohren und Farnen, die uns leicht ums Doppelte überragen. Um uns wuselt und raschelt es und nicht nur einmal halten wir eines der vielen halbwilden (?) Berghühner für eine der hiesigen Saba Racer, eine endemische gutartige Schlange, mit deren Vertretern wir allerdings erst am Abstieg über den Elfien Trail mehrere Male den Weg teilen. Den versprochenen Scenic View vom Gipfel gab es nicht, da dieser wie die meiste Zeit, in den Wolken blieb. Aber: Ohne Wolken, kein Feuchtigkeitsnebel und ohne diesen kein Nebelwald. Also genießen wir auf der größeren Nord-Rücktour diesen um so intensiver und schauen uns die Bilder vom Ausblick im Internet an.
In unserem kleinen persönlichen „Saba-Intensiv in drei Tagen-Programm“ haben wir für den dritten Tag zwei Tauchgänge mit einem lokalen Tauchanbieter ausgemacht, da hier das Individualtauchen seit einigen Jahren leider nicht mehr gestattet ist. Hierfür sind wir an unserer Boje vorm Hafen liegengeblieben, was eine ziemlich ruppige Nacht zur Folge hatte, denn der Wind hatte aufgefrischt und der Atlantikschwell traf uns mit voller Wucht. Aber belohnt wurden wir mit zwei schönen Stunden unter Wasser inklusive Schwarzspitzen-Riffhaien und Ammenhaien- diese sogar auf Kuschelkurs.
Nach diesem Blitzaufenthalt auf der Mini-Insel kommen wir zu dem Ergebnis, dass Saba den Slogan: “Saba- the unspoiled Queen of the Caribbean, Dutch style” mit dem die Insel wirbt, absolut verdient hat.
Seelig machen wir uns auf den Weg nach Guadeloupe und freuen uns, dass es sich um die letzte Nachtfahrt für dieses Jahr handelt.
Und ich spoilere nicht, wenn ich erwähne, dass diese letzte Etappe sich in die „10-Knoten-mehr-Wind-und-diese-evtl.-auch-aus-10-Grad-unpassender-als-vorhergesagt-Überfahrten“ der letzten Wochen einreiht..