Von Neuengland über NewYork nach Bermuda
Mit Sonnenaufgang passieren wir den Cape-Cod-Kanal und reisen in New Bedford, Massachusetts, wieder in die USA ein. Der Prozess ist simpel und der freundliche Officer kommt sogar zum Pässe stempeln zu uns in die Marina.
New Bedford war im 19 Jahrhundert die Whaling Capital der Vereinigten Staaten und Spielstätte von Herman Melvilles Roman Moby Dick. Heute befindet sich hier der wertmäßig größte kommerzielle Fischereihafen der Vereinigten Staaten. Eine solche Varianz von Fischerei-Schiffen bis Kuttern, Dampfern, Kähnen und Barken in aller Qualität und Couleur haben wir auf unserer Reise -auf einem Haufen-bisher noch nicht gesehen. Wie lange sie alle wohl noch aus dem Atlantik fischen können, ist fraglich.
Das hiesige Whaling Museum beleuchtet neben der Biologie der Pottwale vor allem die Geschichte des Walfangs und der Walfänger sehr sachlich. So lernen wir neben den Grundlagen: nämlich, dass es neben dem Blubber vor allem das Spermaceti (eine fett- und wachshaltige Substanz aus der Melone und den Kieferknochen der Pottwale) ist, welches vor der Erfindung des Paraffins als Brennstoff für Lampen raffiniert wurde und damit zur massenhaften Bejagung der Meeressäuger geführt hat. Darüber hinaus erfahren wir eben auch über die Härten mit denen Walfänger und ihre Familien damals zu kämpfen hatten, den Alltag auf den Booten, welche teils Jahre auf der Suche nach Walen um die ganze Welt unterwegs waren und den interkulturellen Austausch. Ein sehr eindrucksvolles und belebtes Museum, das einen Blick über die Grausamkeit es Walfangs hinaus ermöglicht.
Mit dem beginnenden Oktober geht es für uns ein zweites Mal nach Newport, Rhode Island, in die Narragansett Bay. Von der aktuellen Fishing Capital in die Sailing Capital. Größer könnte der Kontrast wohl nicht sein. Von industriellem Funktions-Kutter zu schicken High-end Jachten aller Art. Wir kommen ungeplant pünktlich zur WM der TP 52 Racer. Für alle, die -wie ich- damit nix anzufangen wissen hier ein Link (https://en.wikipedia.org/wiki/TP_52).
In der großen Bucht von Newport finden wir einen Ankerplatz in erster Reihe und genießen die vorbeifahrende Vielfalt an Booten und das Flair der Stadt während dieser Regatta. Wir bringen die Räder an Land und weil noch nicht genug der Klassiker, besuchen wir das Classic-Car-Weekend. Es ist nicht schwer sich gedanklich in das Newport des Alten Neu-Englands zu versetzen.
Bevor wir die Narragansett Bay gen Long Island Sound verlassen, machen wir noch einen Abstecher in das verschlafene Städtchen Bristol, nördlich von Newport. Ziel ist das hiesige Herreshoff Museum. Im beginnenden 20. Jahrhundert entwarf und baute eine Werft zweier ungleicher Brüder hier nicht nur fünf aufeinanderfolgende America’s-Cup-Verteidiger, sondern entwickelte Yachtdesigns, die noch heute die Fachwelt begeistern.
Am nördlichen Ende des Long Island Sound und der Südspitze von Rhode Island ankern wir vor Watch Hill -unterhalb des Taylor Swift Anwesen- einem Rückzugsort für wohlhabende NewYorker, die sich hier in hübschen viktorianischen Cottages mit Meerblick vom Großstadt-Trubel erholen. Für einen Erkundungs-Gang ist der Liegeplatz gut, aber für die Nacht mit böigen Südwinden bis zu 25 Knoten segeln wir – in einem kleinen Wettstreit mit der untergehenden Sonne- in den unbeleuchteten East-Harbour von Fisher Island. Nach einem Morgen in Rhode Island, dem Spaziergang am Nachmittag in Connecticut befinden wir uns nun schon in New York. Die Insel, deren Einwohner-Zahl im Sommer von 200 auf 2000 steigt, zeigt sich in ruhiger End-of-Season- Stimmung. Was für eine verschlafene Welt. Wir wandern zwischen Anwesen aller Art und genießen früh-herbstliche Blicke auf und ums Meer.
Die letzten 150 Meilen in Richtung NYC machen wir in einem Schlag. Ankunftszeit ist weit nach Sonnenuntergang und der Himmel über der Skyline der niemals schlafenden Stadt zeichnet sich immer deutlicher am Horizont ab. Im Süden strahlen die Skyscraper und im Norde zeigen sich tatsächlich Nordlichter, während wir in die Bucht von Port Washington einfahren. Einer der größten geomagnetischen Sonnen-Stürme der letzten 20 Jahre war die Ursache für weltweite Polarlicht-Sichtungen in dieser Nacht. So haben auch wir unsere ersten Aurora borealis- kurz vor NYC erlebt.
,NYC, Big Apple. Knapp 9 Mio Einwohner, über 800 gesprochenen Sprachen und Bewohner, die es lieben neue Neighborhoods zu erfinden, um sich selbst zu definieren. Stand November 2024 teilen sich die fünf Main Boroughs Manhattan, Brooklyn, Queens, The Bronx und Staten Island in weitere 350 (!) Neighborhoods auf.
Ti´Ama liegt in Port Washington-einem Vorort- vor Anker und wir steigen ins Dinghy, aufs Fahrrad und dann in den Zug, der uns binnen einer Stunde an die Grand-Central-Station und damit direkt ins Herz Manhattans bringt.
Zehn Tage inhalieren wir diese trubelige Stadt. Füllen unsere leeren Kultur-Speicher mit Musical-, Museen-und Theaterbesuchen. Erleben einen Gospel-Gottesdienst in Harlem und schnabulieren uns durch die kulinarische Vielfalt dieser Mega-City. Von Flushing-Queens, dem größten Chinatown außerhalb des asiatischen Kontinents, über jewish Bagels mit aller Art geräuchertem Fisch, bis hin zu den diversen Cafés/Bistros/Delis. Wir wandern durch die Skyscraper- Schluchten und werden nicht müde, diesen Trubel, der hier einfach auf der Straße stattfindet zu erleben. Nebenbei steigt unser tägliches Schrittpensum so rasant, dass die Mobilgeräte lange nicht gesehene Zahlen schreiben. Ganz nebenbei erhält unser in der Einsamkeit Kanadas verkümmertes Immunsystem bei den täglichen U-Bahn-Fahrten (s)eine natürliche Impfung, was zu einer kleinen Genesungs-Unterbrechung von zwei Tagen in unserer NYC-Erkundungs-Routine führt. Und somit auch unseren Köpfen etwas mehr Verarbeitungszeit schenkt.
Es ist mittlerweile Ende Oktober und vor der Abreise aus den USA verbringen wir einen letzten Abend an einem der spektakulärsten Ankerplätze, die wir erleben durften. Zwischen der Statue of Liberty und Ellis Island kann man -mit Blick auf die Skyline von Manhattan- kostenfrei liegen. An Land kann man zwar nirgends und der rege Bootsverkehr auf dem Hudson, sowie die unzähligen Helikopter in der Luft machen das Liegen hier ziemlich schaukelig. Nichtsdestotrotz lässt sich der Blick, wenn das Licht des Tages geht und die Lichter hinter den unzähligen Fenstern der Skyline Manhattans angehen, nicht in Worte fassen. Wie viele ungleiche Moment-Aufnahmen es wohl von derselben Situation gibt..
Pünktlich vor der Wahl am 5. November verlassen wir die Vereinigten Staaten. Zwischen den Herbststürmen aus dem Norden und den noch immer vorhandenen Hurrikanen im Süden, machen wir uns auf den Weg. Der Wind ist für die nächsten 48h mit gut 20 Knoten aus Süd-Ost angesagt. Aber Vorhersagen sind nur Vorhersagen uns so sind 10% Abweichung bei Windstärke und Windrichtung einzukalkulieren. Beide erwischen wir diesmal. Der Wind ist stärker und östlicher als angesagt, was die Wellen höher und die Fahrt unangenehmer macht, als erwartet. Zusätzlich organisiert sich im Süden eine Gewitter-und Tiefdruckzone, sodass wir kurzerhand entscheiden in Bermuda zwischen zu stoppen.
Was für ein Geschenk nach fünf Tagen Überfahrt. Bermuda, das Atoll, von dem manche Segler sagen, dass es nur für die Segler hier (etwa auf halber Strecke zwischen den USA und dem Antillenbogen) platziert wurde, ist bereits Karibik. Vor fünf Tagen sind wir noch im Zwiebel-Look mit Stirnband und Unterhemd unterm Ölzeug gestartet und nun kommen Flipflops und kurze Hose raus.
Das britische Überseegebiet mit gut 60 Tausend Einwohnern ist vor knapp 30 Mio Jahren auf einem erloschenen Vulkan entstanden und heute nur von einem Korallensockel bedeckt. 360 Inseln bilden ein -von einem schützenden Korallenriff umgebenes- Atoll, welches nur an einer Stelle von großen Frachtern und Kreuzfahrern passiert werden kann. Die Menschen sind so unbeschreiblich freundlich und wer wollte nicht schon immer mal die Herren sehen, die tatsächlich in rosa Bermudas mit Kniestümpfen ihre Büro-Tätigkeiten ausführen.
Wir schlafen uns aus und freuen uns über die Möglichkeit frische Produkte aufzustocken, liebäugeln sogar damit, ein paar Tage hier zu bleiben und diese Inseln zu erkunden. Nur Aiolos plant es anders: bei der täglichen Wind-Beobachtung in verschiedenen Apps kristallisiert sich heraus, dass ein Nord-Sturm bis nach Bermuda runter drücken wird und wenn wir uns nicht auf den Weg machen, um etwas „vor ihm wegzufahren“, könnte es ungemütlich werden und wir länger als gewollt in Bermuda festhängen. Dies ist mit den gebuchten Flügen (und der Vorfreude) nach Hause keine Option und so machen wir uns schon knapp 48h nach Ankunft wieder auf den Weg nach Süden.
Nach Süden nach Süden..
